8. Dezember 2017 Allgemein / Hospitality Projekte / Innenarchitektur / Newsroom

All day long

In Asien, China und Afrika sind Hotellobbys und -restaurants beliebte Treffpunkte; sowohl für Hotelgäste als auch für Einheimische. In Europa hingegen ist die Gewohnheit, Hotellobbys und -restaurants als attraktiven Ort wahrzunehmen und zu frequentieren, noch nicht sehr ausgeprägt. Bei Einheimischen ist die Hemmschwelle, ein Hotelrestaurant als «normales» Restaurant zu nutzen, sehr hoch. Und der Hotelgast hat oftmals das Gefühl, der Ort, wo er sein Frühstück einnehme, könne kein geeignetes Restaurant für Lunch oder Dinner sein. So mancher Hotelbetreiber ist froh, wenn er mit seiner Gastronomie nicht im Minus wirtschaftet, das All-Day-Restaurant kann da eine grosse Chance sein. Zusätzlich befindet sich der Frühstücksraum oft im Erdgeschoss und ist somit an einer teuren Lage im Hotel angesiedelt, wird aber nur wenige Stunden am Tag genutzt. Wie könnte nun ein attraktives Ganztages-Restaurant oder, auf «Neudeutsch», All-Day-Restaurant aussehen?
Die optimale Tagesnutzung wäre morgens Frühstück, vormittags Treffpunkt für Tee- und Kaffeerunden, sei es geschäftlicher oder privater Natur. Mittags der Lunch und am Nachmittag Kaffee und Kuchen. Dann der fliessende Übergang in den Apéro, sei es für Arbeitstätige aus der Umgebung oder Treffpunkt für Einheimische und Hotelgäste für ein lockeres Gespräch oder einen Drink vor dem Dinner. Und schliesslich würde das All-Day-Restaurant zum abendlichen Speiselokal.


Das All-Day-Restaurant ist also im besten Fall ein Gastronomiebetrieb, der von frühmorgens bis spätabends wie ein Bienenstock brummt! Die
Innenarchitektur ist dabei der Schlüssel zu einem Konzept, das eine so vielfältige Nutzung von frühmorgens bis spätabends hindurch ermöglicht und visuell überzeugend ist. Zum besseren Verständnis nenne ich einige typische Beispiele: Ein technisch raffiniertes und erstklassiges Möbelstück, das morgens als Frühstücksbuffet mit Kälteteil gut aussieht und sich dann in eine elegante oder fancy Bar- Theke verwandelt. Vielleicht auch eine Bar-Theke mit komfortablen Bar-Hockern, an der Frontcooking zelebriert werden kann. Ein Bar-Rückmöbel, das morgens mit Vorhang oder Schiebewand verdeckt wird, damit kein Alkohol sichtbar ist.
Ideal ist ein fliessender Übergang von Lobby-Lounge in Bar und Restaurant. Sessel und Sofas haben alle Sitzhöhen und -tiefen, die auch zum Essen am Tisch geeignet sind. Sessel und Sofas erzeugen Cosyness. Frühstücken, chillen, lunchen und dinieren sind bei geschickter Auswahl möglich und attraktiv. Im Restaurant können dann die «normalen» Stuhlund Tisch-Kombinationen stehen, vielleicht durchmischt mit Sofa-, Sessel- und Tisch-Einheiten. Die lockere Durchmischung löst den steifen optischen Auftritt vieler konventioneller Restaurants auf. Ein wichtiger Faktor zum Kreieren von Raumatmosphäre ist die Beleuchtung. Vorprogrammierte Szenarien schaffen das zu Tageszeit und Gastrokonzept passende Raumlicht. Warmes Akzent- und Grundlicht, Leuchten und eventuell komplette Lichtinstallationen lassen die Gäste und Mitarbeitenden gut aussehen und verführen zum Träumen.

Erst das oft geschmähte Rauchverbot in Gastronomiebetrieben hat es möglich gemacht, den Gastronomiebereich vom frühen Morgen bis zum späten Abend zu nutzen: Ohne Rauchverbot wäre die Luft beim Frühstück unerträglich, ich erinnere mich noch gut an den Geruch von abgestandenem Tabakqualm vom Vorabend in Bars und Restaurants. Schon früh hat der Designer Philippe Starck das erkannt und erste polymorphe Hotelrestaurants entworfen: Vor etwa zehn Jahren übernachtete ich in Paris im damals brandneuen ersten «Mama Shelter », einem Dreisterne-Superior-Konzept für Junge und Junggebliebene. Abends war das morgendliche Frühstücksrestaurant ein angesagter Club mit lässiger Bar und Restaurant, tagsüber eine schöne Lounge. Eine Schlüsselfrage ist heute sicher, wie ich als Hotelbetreiber Einheimische in mein Hotel locke: Free Wi-Fi für alle, DJs, Happy Hour und was es da alles an mehr oder weniger bewährten Rezepten gibt? Eine originelle Variante erzählte mir der Innenarchitekt des Londoner Ace-Hotels: Der Bauherr forderte ihn auf, für den Umbau Recherchen im Quartier zu machen und herauszufinden, welche Handwerksbetriebe dort angesiedelt sind, um dann gezielt Designs zu entwerfen, die diese umsetzen konnten. Der Bauherr wollte diese Handwerker mit ihren Familien bei der Eröffnung dabeihaben. Diese sollten dann stolz ihre Arbeiten zeigen. Angesichts der teils
krassen Ignoranz von Hotelprojektentwicklern und Bauherren gegenüber der einheimischen Bevölkerung und dem lokalen Gewerbe ein sympathischer Ansatz. Als die Ace Hotels Group vor Jahren ein typisches Motel in Palm Springs übernahm, führten sie den montäglichen Bingo-Abend weiter, der eine lange Tradition hatte und von einer schillernden charmanten älteren Dame im Paillettenkleid geleitet wurde. Das Hotel ist heute ein vitaler Hotspot für ein junges Publikum aus Los Angeles und der ganzen Welt – das montägliche Bingo und Lady Shirley Claire, Nachfolgerin der legendären Linda «Fabulous» Gerard, gehören ganz selbstverständlich dazu. Ace Hotels ist im Boutique-Hotelbereich ein toller Trendsetter. Mich fasziniert, wie ein Unternehmen, das wie andere auch auf geschäftlichem Expansionskurs ist, dennoch aufmerksam und respektvoll mit scheinbar kleinen Details umgeht und auf sein Auftreten achtet.

Fazit

Um erfolgreich ein All-Day-Restaurant zu lancieren, müssen und können mit vielen baulichen Details die Grundvoraussetzungen für die im Laufe des Tages wechselnden Funktionen geschaffen werden. Das ist für alle Hotelkategorien und Baustile möglich. Aber auch hier gilt: Ein wichtiges Schlüsselelement ist dabei die Integration der einheimischen Bevölkerung und die damit einhergehende spannende Durchmischung und volumenmässige Steigerung des Gästeaufkommens. Integration meint, dass das Hotel zu einem Teil des Quartiers, der Stadt werden soll. Zu einem ganz selbstverständlichen Teil der Community.

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